Die Entstehung der moderneren Genossenschaftsbewegung fällt zusammen mit dem Beginn der kapitalistischen Epoche. Sie war ein Teil der Arbeiterfrage überhaupt. Der starke Druck der frühkapitalistischen Ausbeutung, der auf den Lohnarbeitern, aber auch auf den kleinen Handwerkern lastete,

erzeugte Pläne und Versuche, diesem Druck durch die Gründung von Genossenschaften zu entgehen. Oft entsprangen sie auch direkt dem Wunsche, den Sozialismus sofort in die Tat umzusetzen. So waren die ersten Gründungen hauptsächlich Produktionsgenossenschaften. Erst spät bedienten sich die Verbraucher der Genossenschaften, noch später die Händler.

urkunde genbewegIn Deutschland wurden die französischen und englischen genossenschaftlichen Ideen und Vorgänge durch V.A.Huber bekannt. Sein Zeitgenosse H.Schulze-Delitzsch legte den Grund zu einer Genossenschaftsbewegung aus liberalem und humanitärem Geiste. Er wollte alle Schwachen zusammenführen, um ihnen mit Hilfe des Genossenschaftswesens das Leben im Rahmen des Kapitalismus erträglich zu gestalten. Infolge des Streites, der in den sechziger Jahren zwischen bürgerlicher und proletarischer Demokratie ausgetragen wurde (Auseinandersetzungen zwischen Schulze-Delitzsch, Lassalle und Bebel), blieb den Arbeitern die Genossenschaftsidee meist fremd. Da die Bauern erst mit der Umwandlung der Delitzschen Ideen durch F. W. Raiffeisen für die Genossenschaft gewonnen wurde. Es blieben am Anfang städtische Handwerker, Kaufleute und Beamte die Hauptstützen der Genossenschaften, die Schulze-Delitzsch im Allgemeinen Verband der auf Selbsthilfe beruhenden Deutschen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften vereinigte. Die Genossenschaften der Bauernschaft fanden in Deutschland eine starke und vorbildliche Entwicklung unter Raiffeisen und W. Haas in den großen Organisationen des Generalverbandes der deutschen Raiffeisen-Genossenschaft und des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlich Genossenschaften In denen, wie in den Genossenschaften von Schulze-Delitzsch besonders die Kreditgenossenschaften, dann erst die Bezugs- und Werksgenossenschaften zur Entwicklung kamen.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist auch das Konsumvereinswesen stark entwickelt worden, meist in den Händen der Arbeiterschaft, deren größte Organisationen der Zentralverband Deutscher Konsumvereine war. Mit ungefähr 2,8 Millionen Mitgliedern (1928) und der Reichsverband Deutscher Konsumvereine mit ungefähr 787 000 Mitgliedern (1928) stand den Freien, den Christlichen Gewerkschaften nahe.
Auch die Baugenossenschaften sind in Deutschland stark entwickelt. Als staatliche Zentralkasse diente den Genossenschaften die Deutsche Zentralgenossenschaftskasse. Die Genossenschaftsbewegung fand in Deutschland bei den schaffenden Menschen starken Anhang. Die Regierungen der herrschenden Klassen sahen diese Entwicklung ungern. Die gesunde starke Entwicklung des Genossenschaftswesens rief bald die Gegner auf den Plan. Als die Gegner der Genossenschaftsbewegung Ausnahme Gesetze verlangten, beschloss der Reichstag u. a. durch das Gesetz vom 1. Mai 1889 das Verbot der Abgabe von Waren der Konsumvereine an Nichtmitglieder. Die Nazigesetzgebung ab 1933 nahm den Genossenschaften die Freiheit und die demokratische Selbstverwaltung und führte zum Verbot der Konsumgenossenschaften.